Oder: wie ich zu einem Spitznamen gekommen bin, den ich bisher niemandem verraten habe. 
Abtauchen.
Für kurze Zeit aussteigen.
Störungen ausschalten.
In die Tiefe gehen.
Ruhe geniessen.
Besinnen.
Sortieren.
Der Kreativität freien Lauf lassen.
Inspiration fühlen.
Kraft tanken.
 
Eine Freundin verpasste mir aufgrund der Fähigkeit auch in hektischen Zeiten „abzutauchen“ den Spitznamen: „Wali“ (von Blauwal). Mit langem „a“ gesprochen. Mein Verhalten, dieses Abtauchen, war mir bis zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. 
Sie hat es mir damals so beschrieben:
„Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, dass du geistig nicht anwesend bist.
Wir stehen, sitzen oder was auch immer, nebeneinander.
Ich spreche mit dir.
Aber es kommt keine Reaktion. 
Nach einer Weile tauchst du wieder auf und bist voll da.
Du hast auch alles mitbekommen.
Aber in dem Moment warst du wie weg.
Du erinnerst mich an einen Blauwal.
Der taucht auch ab und ist irgendwann mit voller Kraft zurück an der Oberfläche.
Ab jetzt bist du mein Wali“
Im ersten Moment war es mir unangenehm, mit einem Lebewesen verglichen zu werden, dass so riesengroß ist, gleichzeitig aber auch so behäbig zu sein scheint. Ich war jung, dynamisch und wollte auf keinen Fall als behäbig eingestuft werden. Als ich mich später mit Blau-Walen beschäftigt habe, wurde mir klar, dass sie alles andere als behäbig und langsam sind. Aber das ist eine andere Geschichte.
Es war mir auch unangenehm, als abwesend wahrgenommen zu werden. Auch wenn ich körperlich präsent war. Daher habe ich nie darüber gesprochen. Dieses zeitweise nicht anwesend zu sein, hat mir irgendwie nicht behagt. Und mit diesem Spitznamen konnte und wollte ich auch nichts anfangen.
Meine älteste Tochter Michelle hat es so manches Mal schier zur Weißglut getrieben. Ich benötigte offensichtlich Lichtjahre, um auf eine ihrer vielen Fragen zu antworten.
Papa langsam – Tochter ungeduldig. Eine explosive Mischung.
Ein Kommunikationsbeispiel:
„Papa, was machen wir am Wochenende?“
„Papa?“ (bedeutete: hast du mich nicht gehört?)
„Paaaapa.“ (bedeutete: ich finds doof, wenn ich dreimal fragen muss.)
„PAPA!“ (bedeutete: jetzt werde ich langsam sauer.)
Ca. 2 Minuten später:
„Ich habe mir gedacht, dass wir x (Platzhalter) oder y (Platzhalter) machen.“
Meine Antwort kam für mich in einem angemessenen Zeitraum.
Sie (mit verdrehten Augen): „Oh, schön, dass ich eine Antwort erhalte.“
Natürlich war sie genervt.
Zurecht.
Am Anfang konnte ich noch darüber lachen.
Ich hatte wirklich das Gefühl, dass die Frage erstmal durchsickern musste. Ich habe sie gehört, aber ich befand mich in einer anderen Welt. Später war es mir peinlich. Es ist alles andere als wertschätzend, wenn du mit jemandem sprichst, und diese Person dir das Gefühl vermittelt, dich nicht wahrzunehmen.
Heute bin sehr dankbar dafür.
Die Zeiten ändern sich. Mittlerweile stufe das Abtauchen als eine wertvolle Fähigkeit ein. Ich habe gelernt, dass dieses Abtauchen eine Art Schutzreflex gegen Reizüberflutung ist.
In meinem Berufsleben habe ich sehr jung schon viel Verantwortung übernommen. Mein Lebensstil war sehr unruhig. Zwischen meinem Wohnort und meinem Büro lagen 220 km. Später auch mal 340 km. Zusätzlich war mein Beruf mit einer ausgeprägten Reisetätigkeit verbunden. In Verbindung mit einer Kombination aus großen Zahlen- und Zeitdruck, entsteht sehr schnell ein gefährlicher Cocktail.
Morgens schnell mal ins Büro nach Hamburg.
Mittags in den Flieger nach Leipzig.
Nachmittags zurück.
Abends noch irgend ein Essen.
Nach dem Essen die Präsentation für den Vorstand checken. Usw.
Damit ich es Freitags abends noch pünktlich zum Fussball-Training schaffe, stellte mir meine Frau die Sporttasche auf die Strasse (kein Witz). So musste ich nur die Tür öffnen, Tasche rein und konnte gleich weiter.
Neudeutsch würde man es wohl als Streß bezeichnen.
In meinen Pausenzeiten am Wochenende holte sich mein Körper, was er benötigte. Ruhe. Es fühlte sich an, als lief „mein Betriebssystem“ am Wochenende nur im „Stand-by-Modus“ unterwegs. Irgendwie betäubt.
Schluß.
Nach 20 Jahren unter „Dauerstrom“, zog ich einen Strich unter meine traditionelle Karriere. Ende – Aus – Feierabend. Ich bin ausgestiegen. Eine notwendige Entscheidung, wenn ich noch etwas von meinem Leben erleben wollte.
Mein Körper sendete mir schon viel früher deutliche Signale wie zum Beispiel:
– diverse Kreislaufzusammenbrüche,
– Burn-out,
– Hautkrebs,
usw.
Mal ganz abgesehen von den Signalen, die das Leben für mich parat hielt:
– Scheidungen,
– mit dem Auto überschlagen,
– Sekundenschlaf bei 180. Zum Glück ohne Folgen.
Auszusteigen war die richtige Entscheidung. Die Umsetzung würde ich mit dem Wissen von heute sicher anders und besser machen. Dabei habe ich mir diverse blaue Flecken und harte Kopfnüsse eingehandelt. Die hätte ich mir gern erspart.
Aber wie hat mein Opa immer so schön gesagt:

„Gestern ist hinter dem Flug.“

Alles was gestern war, kann ich heute nicht mehr ändern. Aber ich heute aus dem gestern lernen und die Dinge morgen anders machen.
Ich weiß, das jede Erfahrung in meinem Leben ist, weil sie erleben wollte oder gar musste. Dennoch wünsche ich mir manchmal, dass mir jemand viel früher gesagt und gezeigt hätte, welche anderen Wege es gibt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Arbeite heute ich weniger? Nein. Aber es fühlt sich anders an.
Frei. Nicht mehr fremdbestimmt.
Wenn ich merke, dass ich Zeit für mich brauche, ziehe ich mich einfach zurück. Sei´es für einige Stunden, oder  1- 2 Tage. Ohne Urlaubsantrag. Ohne schlechtes Gewissen.
Und dann heißt es:
Abtauchen und die Ruhe genießen.
Und manchmal Blogartikel schreiben 😉
Was machst Du, wenn dein Leben zu schnell wird?
Viele Grüße
Axel